No-Contact: Wenn Schweigen die einzige Antwort zu sein scheint

Über Entfremdung, Erwartungen und den Raum zwischen Kontakt und Stille.

Letztens bin ich auf einen Bericht von Oprah Winfrey gestoßen, in dem Menschen über ein Phänomen sprechen, das gerade viel diskutiert wird: "going no-contact". Was mich dabei nicht loslässt: Geht es wirklich um den Kontaktabbruch? Oder immer wieder um dieselben Grundfragen: Werde ich gehört? Werde ich gesehen? Werde ich wahrgenommen für das, was und wer ich bin?

Was bedeutet No-Contact?

No-Contact bezeichnet den bewussten, vollständigen Abbruch des Kontakts zu einem oder mehreren Mitgliedern der Herkunftsfamilie, meist zu einem oder beiden Elternteilen. Davon abzugrenzen ist Low-Contact, die bewusste Reduzierung des Kontakts.

No-Contact kann temporär sein oder dauerhaft. Und es ist, trotz allem was Social Media vielleicht suggerieren mag, in den seltensten Fällen ein impulsiver, unüberlegter oder gar „übertriebener“ Schritt. Im Englischen sagt man auch "to estrange". Das trifft das Phänomen besser als das Wort „Kontaktabbruch“ im Deutschen: Sich ent-fremden als einen Prozess, der sich über Jahre, manchmal Jahrzehnte zieht und der für das Gegenüber trotzdem wie ein plötzlicher Einschlag wirken kann.

Wie verbreitet ist das Phänomen?

Laut einer Studie der Cornell University leben bereits rund 27% der befragten US-Erwachsenen in Entfremdung von einem nahen Verwandten. In Deutschland zeigt die Pairfam-Studie noch einen interessanten Unterschied:

  • 20% der Kinder distanzieren sich phasenweise oder dauerhaft von ihren Vätern

  • 9% von ihren Müttern

Trotzdem sprechen immer noch wenige offen darüber, denn Scham, Schuldgefühle und sozialer Druck halten viele davon ab, das selbst mit engen Freunden zu teilen.

Zudem handelt es sich wie so oft um eine Generationenfrage. Mentale Gesundheit und das eigene Wohlbefinden haben heute einen anderen Stellenwert als noch vor zwanzig Jahren. Und im Übergang zum Erwachsenwerden, im Herauswachsen aus abhängigen Strukturen, werden Beziehungen neu bewertet. Das war zu allen Zeiten so. Was sich verändert hat, ist die Frage, was als okay gilt, was als Übergriff empfunden wird, was als Bevormundung.

Sich ent-fremden

Die Gründe sind vielfältig:

  • Divergierende Werte und Lebensentwürfe

  • Verletzte Erwartungen

  • Geld und Erbstreitigkeiten

  • Neue Familienmitglieder, die bestehende Gefüge destabilisieren

Besonders die Aufarbeitung eigener früherer Erlebnisse in therapeutischen Kontexten, die im Erwachsenenalter erst wirklich beginnt, zieht häufig eine Neubewertung sämtlicher Beziehungen nach sich.

Die Perspektive der Kinder

Mentale Gesundheit und das eigene Wohlbefinden zu priorisieren, auch wenn das bedeutet, Abstand zur eigenen Familie zu nehmen, ist oft das Ergebnis eines langen, schmerzhaften Prozesses. Von außen sieht das selten so aus. Stattdessen können Sätze wie "Es sind doch deine Eltern" oder "So sind Eltern eben“ den inneren Prozess als nichtig erklären und den ohnehin schmerzhaften Prozess mit einer moralischen Frage zusätzlich belasten. 

Der Status ‘Eltern’ entbindet nicht davon, respektvoll miteinander umzugehen.

Wer heute nicht mehr bereit ist, sich von den Eltern schlecht behandeln zu lassen, und darauf kein Entgegenkommen findet, für den ist Distanzierung oft nur eine Frage der Zeit. Der Status „Eltern“ entbindet eben nicht, respektvoll miteinander umzugehen und sich auf eine gemeinsame Gestaltung der Beziehung einzulassen. Auch ist es nicht die Aufgabe der erwachsenen Kinder, die Beziehung allein zu nähren (Stichwort: Du meldest dich so selten) noch allein zu reparieren, nur weil sie sich heute eher auf den Weg machen, die eigene Geschichte zu verarbeiten. 

Dazu kommt: Ein offenes Gespräch über die eigenen Emotionen gehörte lange nicht zum Alltag deutscher Familien. Wer das heute kann, hat es sich meist selbst erarbeitet. Mit den eigenen Gefühlen umgehen zu können, sie überhaupt erst fühlen und dann kommunizieren zu können, ist aber Voraussetzung für den ehrlichen, gegenseitigen Austausch, den viele heute in Beziehungen einfordern und den ihre Eltern nie gelernt haben.

 

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Die Perspektive der Eltern

Auf der anderen Seite stehen Eltern, die oft aufrichtig nicht verstehen, was passiert ist. Ihnen fehlt das Bewertungssystem, manchmal auch die emotionale Reife, um vorausgesetzte Hierarchien zu hinterfragen und jahrelang gelebte Strukturen anders zu betrachten. Das geht nur mit der Bereitschaft, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen, sich wiederum den eigenen Eltern zuzuwenden, egal ob die schon lange verstorben sind. Hier setzt die Systemik an: Ein Zahnrad bewegt immer alle umgebenden mit.

Elterliche Ratschläge, vor allem wenn ungefragt, erreichen irgendwann ihr Verfallsdatum.

Sie sind in einer Zeit aufgewachsen, in der Respekt bedeutete, dass die Jüngeren sich einordnen. Familiäre Hierarchie war keine Frage der Aushandlung. Die Qualität der Beziehung war oft schlichtweg kein Thema, Qualität entstand durch Quantität, durch Anwesenheit und durch Versorgung.

Diese Eltern haben oft selbst nicht gelernt, dass eine Beziehung Gegenseitigkeit braucht. Und dass ein erwachsenes Kind gehört werden will. Und auch nicht, dass elterliche Ratschläge irgendwann, vor allem wenn ungefragt, ihr Verfallsdatum erreichen. Kinder zu mündigen, eigenständigen Menschen erziehen zu wollen und gleichzeitig zu erwarten, dass sie die Eltern ihr Leben lang als entscheidende Wegweiser akzeptieren, passt nicht zusammen.

In den Interviews bei Oprah geben viele Eltern an, „keine Ahnung“ zu haben, warum sich ihre Kinder abwenden. Diese Haltung schützt vor dem eigenen Schmerz. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und den eigenen Fehlbarkeiten ist essentieller Teil davon, den Weg zueinander zurück zu finden. Und vielleicht liegt darin sogar eine Chance:

Eltern, die sich auf diesen Prozess einlassen, holen etwas nach, das ihnen selbst lange gefehlt hat. Was als Krise beginnt, kann zu einem Moment werden, in dem sich alle gemeinsam weiterentwickeln.

Das Interview gibt beiden Seiten Raum: Oprah Winfrey über No-Contact https://youtu.be/cK7EJgILMIk

Der dritte Weg

No-Contact ist nicht die einzige Option. Manchmal braucht es aber erst diesen extremen Gedanken, um zu verstehen, was einem wirklich gut tut und was nicht. Zwischen umfangreichem und keinem Kontakt liegt ein großer Raum. Beziehungen lassen sich leiser drehen, ohne sie auszuschalten.

Beziehungen lassen sich leiser drehen, ohne sie auszuschalten.

Was dafür nötig ist: einen eigenen Standpunkt finden, alte Muster durchbrechen, die eigenen Erwartungen überprüfen.

  • Was habe ich mir gewünscht, das sie nicht geben konnten?

  • Was davon kann ich loslassen?

  • Und umgekehrt: Was brauchen meine Eltern von mir, das ich vielleicht nicht mehr bereit bin zu geben?

Wo Aufstellungsarbeit ansetzt

Entfremdung passiert nicht im luftleeren Raum. Sie ist eingebettet in ein ganzes System aus Werten, Normen, vergangenen Ereignissen und übernommenen Rollen. Vieles davon ist nicht sichtbar, solange man mittendrin lebt.

In systemischen Aufstellungen wird erfahrbar, was sich mit dem Kopf allein nicht greifen lässt.

Die Familienkonstellation buchstäblich vor sich zu sehen, hat einen Wert, den kein Gespräch ersetzen kann. Welche Dynamiken habe ich übernommen, ohne es zu wissen? Was trage ich mit mir, das gar nicht meins ist? Wo hat mein eigenes Leben angefangen und das meiner Eltern aufgehört?

Das sind Fragen, die sich in einer Aufstellung anders stellen als im Alltag.


Am 18. April veranstalte ich gemeinsam mit meiner Kollegin Berit Julie Friz einen Aufstellungstag in Berlin-Neukölln, für alle, die diesen Schritt in die Erfahrung wagen möchten: Mehr Infos zum Aufstellungstag

Mehr über Familienaufstellung allgemein findest du hier.


Am Ende

Ob es heute wirklich mehr Kontaktabbrüche gibt oder ob die jüngere Generation einfach offener damit umgeht, bleibt unbeantwortet. Was bei Oprah Winfrey deutlich wird:

Eltern, die es schaffen, die Perspektive ihres erwachsenen Kindes wirklich anzuhören, finden oft den Weg zurück. Kinder, die es schaffen, eigene Enttäuschungen und Projektionen zu hinterfragen und sich dabei klar zu werden, wie sie die Beziehung gestalten wollen, sich trauen, Grenzen zu setzen und für ihre Art zu leben einzustehen, finden einen eigenen Weg im Umgang mit ihren Eltern.

Es braucht aber auf beiden Seiten die Bereitschaft, über den eigenen Schmerz hinauszuwachsen.


Wenn dich das Thema gerade persönlich berührt, freue ich mich auf ein Gespräch.


Abschließende Reflexionsfragen

Gibt es in deiner Familie Muster, die sich über Generationen wiederholen, bestimmte Krankheiten, Verhaltensweisen in der männlichen oder weiblichen Linie?

Was würdest du dir von deinen Eltern wünschen, das du bisher nicht aussprechen konntest?

Wie viel Kontakt tut dir wirklich gut, unabhängig davon, was erwartet wird?

Was wäre ein erster kleiner Schritt in Richtung deines eigenen Standpunkts?


Hier findest du Infos zu meiner therapeutischen Begleitung:

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